Zum Goldenen Horn

Ermüdet von der stehenden Zeit
unter Süleymans prächtiger Kuppel,
ein schneller Kaffee, eine Zigarette
von Minaretten beschattet,
über Linsensuppe murmelnde Münder
rot beflaggt, sagen mir nichts,
Möven werden zu meinen Führern.

Hinter Sinans Terrassen
such ich den Weg,
Straßen mäandern
abwärts zum Goldenen Horn,
beladene Karren streifen mich achtlos,
grüne Melonenlast,
rote Schnittflächen gerastert,
meine Augen treffen auf müde Gesichter,
ziehende, schiebende Hände
am hölzernen Rahmen.

Ohne Windhauch die Gassen,
das ungeduldige Geheul der Transporter,
Straßenbeherrscher im Viertel
füllen Dieseldunst in die Lungen,
staubgelbe Fensterscheiben
werfen die Schreie der Händler zurück
Lautlos die hohen Möven,
ich ahne nur den Kanon ihrer Rufe.

Wie weit noch, Haliç,
zu deinem erlösenden Windhauch,
ach, nur ein süßer Tee,
ein gezuckerter Kuchen
Rettung für die müde Touristin.
Da, Fenster neben Fenster
blitzen Gürtelschnallen
arglos aufgereiht zur Kalligrafie
eines orientalischen Versprechens.
Mag jeder das Besondere finden
auf dessen Suche er ist.

Die Nähe zum Diskant der Möwen
kündet vom Goldenen Horn,
Wiege und Wasser der Herrscher,
hinter vielspurigem Verkehr
aller Geheimnisse beraubt.

(Haliç-Goldenes Horn 2011)