Was willste mit ‘nem Ideal

(nach Kurt Tucholsky “Das Ideal”)

Du hast ein Haus mit Gemütlichkeit an den Decken
und dem Holzwurm, dem die Balken schmecken.
Die Mauern, die Fenster, die Türen, das Dach
gehören der Bank, mit hunderttausend, ach,
mit noch viel mehr, bist du halt arg
verschuldet inkasso bis zum Sarg.

Doch jetzt haste den schönen
Luxus, das Wohnen im Grünen.

Deine Ponies traben auf Fotos von früher,
hast dafür Stabheuschrecken, ohne Gewieher,
die fressen Grünes und sind’s zufrieden
im Glaskasten stumm herum zu liegen.
Wo sitzt denn nun das Glück dieser Erde?
Nicht auf dem Pferd und nicht in der Herde.

Das Glück hat der Floh auf der Katze.
Dem Ideal schneidest du eine Fratze.

Du machst keine Kreuzfahrt auf fetten Schiffen,
fährst in die Nordstadt und guckst Leute, die kiffen.
Erlebst dort deinen orientalischen Traum:
ein Gözleme und ’nen Espresso mit Schaum.
Juweliere glitzern dir vorm Auge rum,
und Brautkleider. Da denkste, was sind die dumm.

Wer glaubt denn noch an dieses Ideal
Wo man doch weiß: das wird zur Qual.

Wie viele Männer brauchste fürs Ideal?
Du sagst dir, mehr als nötig, dann hast du die Wahl
zwischen dick und dünn und grad und krumm.
Verwegen schaust du dich im Kreise um.
Oh je, enttäuschend ist es schon,
dann, denkste, behältste lieber die Illusion.

Die schwätzt nicht rum und lässt dich in Ruhe leben
und will dir nicht dauernd Ratschläge geben.

So lebst du mit Schulden, Espresso und Floh
dein ideales Leben und bist täglich froh.