Der Tod so frisch

Alte Bilder
schwarz/weiß, ins Fahle verblasst
Menschengeschichte im Milchweiß
Gesichtsfern in Distanz entrückt
leere Körper der Gehenkten, hilflose Glieder,
verdorrte Blätter vom Wind
achtlos vergessen am gestorbenen Holz.
Wir, beruhigt vom sanft gefalteten Tuch des Vergangenen,
erlauben unserem Schmerz zu schlummern.

Zwei Bilder im Dezember, grelle Anklage.
Junge Männer, fast Jungens noch, Kurden,
aufgehängt im graufarbigen Staub Syriens.
Tiefstes Verwundern, so eindringlich das Bild
vom frischen Tod, sein Zugriff verhalten
als zögere er, seine Spur auf die geknickten Blüten
ihrer schmalen Gesichter zu zeichnen.
Schlafenden Engeln gleich, die jungen Gehenkten
verfangen in ihren zurückgelassenen Träumen
so selig, als wüssten sie nicht
dass der Tod bereits angekommen ist
und ihr Schlaf unendlich sein wird.

(Dezember 2013)